von Rabbiner Netanel Olhoeft
Aus der NWZ-Reihe „50 Visionen für Oldenburg“
„Räume des Lernens“ zum Diskutieren und zur Stärkung der
Demokratie
von Rabbiner Netanel Olhoeft

Von den sechshundertdreizehn Geboten der Tora ist nach talmudischem Verständnis das bedeutsamste von allen das lebenslange
Studium, von Kindesjahren an bis zum Tag des Todes. In der rabbinischen Bildungstradition geht man davon aus, dass der menschliche Charakter nur durch kontinuierliches Lernen, Vertiefen und Reflektieren zu seiner – sodann auch gottgefälligen – Fülle heranreifen kann.
Aus einer aus fortwährenden Horizonterweiterungen gestärkten inneren Autonomie erwächst auch mehr echte Individualität – eine
Individualität des Denkens, Fühlens und Handelns – statt einer Individualität der Äußerlichkeiten. Eine solche wachsende Mündigkeit muss sodann aber vom Lernen auch zum Tun führen.
Je mehr Personen sich am lebenslangen Lernen und transformativen Selbstreflektieren beteiligen, desto gesünder ist es für die
Entwicklung einer tiefsinnigen Menschlichkeit, vor allem aber für das demokratische Miteinander und die zwischenmenschliche Solidarität. Darum ist der Trend zu einer immer größeren Beteiligung von allen Gesellschaftsschichten am universitären Lernen zu fördern. Doch sollte dieses Lernen nicht primär einem beruflichen Zweck dienen, sondern Selbstzweck sein, der der vertieften sozialdimensionierten Allgemeinbildung dient, aus der dann wiederum – auf ganz natürliche Weise auch mehr kommunitaristisches Engagement und Gemeinwohl fließt. Vielfältige Lern- und Lehrangebote in einem gemeinschaftlichen Rahmen können ein Schritt in diese Richtung sein.
Ganz ähnlich den „Räumen der Stille“, die in unseren Tagen mehr und mehr im öffentlichen Raum entstehen, könnte es kleine „Räume des Lernens“ geben, die mit gut bestückten Grundbibliotheken philosophischer und religiöser Weisheitstraditionen, klassischer Literatur sowie Werken über Kunst und Kultur ausgestattet zum gemeinsamen Lernen, Diskutieren, Bilden und handyfreien Begegnen direkt in der Nachbarschaft einladen.
Mitten im Leben – nicht elitär – könnte das private Lernen so in den Lebensalltag der Menschen eingebunden werden und die Demokratie von innen bereichern. Eine solche, von unten ineinanderwachsende Gemeinschaft des einander direkt begegnenden „Ich und Du“ sollte „Gemeinschaft“ und nicht nur „Gesellschaft“ sein.
Von unten – das heißt auch, dass die Politik aus der Fülle dieser einander auf geistig-intensive Weise begegnenden Gemeinschaft
erwachsen sollte. Durch eine engere Verzahnung von Alltag, Zivilgesellschaft und Politik kann ein Gefühl entstehen, dass „wir“ nicht nur die Stadt, sondern „wir“ auch die Politik sind.
Mehr reale Begegnung in Form von regelmäßigen „Town Meetings“ in Nachbarschaften, zu denen von den Schulen und allen dort
ansässigen Vereinen gemeinsam eingeladen wird und in denen den gesamten Stadtteil betreffende Themen besprochen und in die Politik getragen werden, können das Gefühl einer funktionierenden Stadtgesellschaft fördern und zusätzlich auch der Vereinsamung in unseren alternden urbanen Gemeinwesen entgegenwirken.
Neben physischen Treffen sollten in unserem Zeitalter aber auch die technischen Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung ausgeschöpft
werden. Mutig sollten wir in der Digitalisierung voranschreiten und etwa eine einheitliche App erproben, in der Politik und Verwaltung über Arbeitsabläufe, Absichten und Vorgänge informieren, über die dann von den Bewohnern Oldenburgs und des Umlandes (sind ja auch diese davon mitbetroffen) mehrstufig und nicht direkt bindend abgestimmt werden kann.
Auf diese Weise können Volksbefragungen und Bürgerentscheide zugänglicher gemacht und effizienter durchgeführt werden, wodurch demokratisches Engagement die Chance erhält zuzunehmen und kontinuierlich einstudiert zu werden. Durch solche „täglichen Plebiszite“ einer rund um die Uhr tagenden Bürgerversammlung können konstruktive Vorschläge der Stadtbewohner leichter in die Politik getragen werden.
Es bedarf mehr empathischer und wohlwollender Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher politischer, weltanschaulicher und sozioökonomischer Hintergründe. Vermehrte Aufenthalte im Freien, mehr Folklore, mehr Stadtfeste unterschiedlichster Art, mehr „eyes on the street“, weniger blinder Konsum – all diese werden wohl zu Recht als wirksame Mittel gegen Polarisierung angesehen.
Vielleicht könnte auch noch die Oldenburger Bürger-App monatlich einem jeden Stadtbewohner per Los einen zufälligen anderen Menschen aus der Stadtgesellschaft zuteilen – ungeachtet des Alters, Geschlechts oder der Kultur –, mit dem man sich alsdann treffen kann, um sich auszutauschen.
Um allen nach Religiosität suchenden Oldenburgern zu ermöglichen, ihre Bildung auf gute, ohne Scheu und auf gemeinschaftliche Weise fortzusetzen, schlage ich vor, eine der weniger besuchten Kirchen der Stadt in ein interreligiöses „House of One“ umzuwandeln, in dem
allerdings – ungleich dem Berliner Modell – nicht die etablierten Religionsgemeinschaften nebeneinander beten, sondern alle Suchenden eingeladen werden, in offenen intellektuellen und rituell experimentierenden Austausch zu treten.

